Was ist Capoeira?

Capoeira ist eine traditionelle brasilianische Kampfkunst, in der Kampf und Tanz, Musik und Akrobatik, Ernst und Spiel zusammenfließen. Es ist aber viel mehr als das. Capoeira ist die mystische Vermischung von Kulturen, Ritualen und Völkerschicksalen. In Capoeira bleibt ein Stück Menschheitsgeschichte lebendig, wird von Generation zu Generation aktualisiert und weitergetragen.

Capoeira ist Ausdruck des Körpers, des Geistes und der Seele, es ist Lebensfreude, Spiegel Deines Inneren, Kreativität, Improvisation, Körperbeherrschung, Kraft, Ausdauer, Eleganz, weiches Fließen und blitzschnelles Reagieren, schlau sein und tricksen, hinfallen und wieder aufstehen, und auch mal über Dich selbst zu lachen.


Die Geschichte

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Sklaverei

Capoeira wurde vor etwa 400 Jahren von den schwarzen Sklaven Brasiliens in ihrem Kampf gegen Unterdrückung, auf der Suche nach Überleben, Freiheit und Würde entwickelt.

Navio NegreiroIn der Kolonialzeit verschleppten die Portugiesen zwischen 4 und 13 Mio Afrikaner/innen unter unmenschlichen Bedingungen nach Brasilien. Zusammengepfercht in den stickigen Laderäumen der Schiffe überlebten viele schon die wochenlange Reise nicht.

Die, die ankamen, wurden körperlich und seelisch gepeinigt, ausgebeutet bis zum Letzten um den Reichtum des portugiesischen Imperiums aufzubauen. Die Greueltaten der Sklaverei stehen denen des Holocausts um nichts nach, sie werden leider großteils geleugnet und verharmlost. Bis heute werden die Nachfahren der Sklaven systematisch diskriminiert und als billige Arbeitskräfte missbraucht, von öffentlicher Anerkennung der Leistung ihrer Vorfahren oder gar Entschädigungszahlungen nicht zu reden. Welche Größe gehört dazu, dass Menschen die in bitterster Armut aufwachsen, solche Lieder singen: "Ich danke der Sklaverei, wer will der finde es dumm, aber wenn es den Sklaven nicht gegeben hätte, gäbe es keine Capoeira."?

Entstehung von Capoeira

Über die frühe Geschichte von Capoeira gibt es keine schriftlichen Aufzeichnungen, nur mündliche Überlieferung. Eine Geschichte besagt zum Beispiel, dass die Sklaven im Verborgenen Kampftechniken für ihre Befreiung übten. Da das natürlich verboten war, taten sie so, als würden sie tanzen. Vielen Sklaven waren aber auch ihre Tänze, Religion und Sprache verboten. Eine andere Geschichte erzählt, dass Capoeira einfach als Synthese der verschiedenen afrikanischen Kulturen, der Krieger, Tänzer und Musiker, die auf den Plantagen zusammengewürfelt waren, entstanden sein soll. Der akrobatische Zebra-Tanz N'Golo aus Angola ist eine anerkannte Ursprungsquelle.

Befreiungskampf

Die Sklaven hatten nichts, nur ihre nackte Haut, ihren Überlebenswillen und ihre Intelligenz. Sie konnten nur mit Taktik und Täuschung gegen die bewaffneten und berittenen Kolonialherren gewinnen.

"Malandragem", übersetzt Tücke, Gerissenheit, Cleverness, Gaunerei, Bluff oder Trick, wurde zur wichtigsten Waffe der Capoeiristas. Die Negros schützten sich vor der blutigen Verfolgung in befestigen Lagern im Urwald, den Quilombos. Der berühmteste Capoeira-Krieger dieser Zeit war Zumbí, der Anführer des Quilombo dos Palmares, in dem bis zu 30.000 Menschen, Negros und Indios, lebten. Zumbí wurde am 20.11.1695 durch die portugiesischen Truppen erhängt. An diesem Tag wird bis heute dem "Tag des schwarzen Bewusstseins" (Dia da Consciência Negra) gedacht.

Bis zur offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1888 überlebten viele Negros versteckt in der Wildnis. Capoeira wurde zum Symbol für den Freiheitskampf und den jahrhundertelangen Widerstand.

Capoeira Pos-Escravatura

Auch nach der Abschaffung der Sklaverei war Capoeira weiterhin das verbindende Glied für die verarmte und marginalisierte Bevölkerung, die ehemaligen Sklaven die nun ohne finanzielle Mittel und Ausbildung auf der Straße standen, die Gesetzesbrecher, Landstreicher, Matrosen und Arbeiter. Capoeira war wie eine Mutter, die alle aufnahm; eine unentbehrliche Plattform um sich auszudrücken, auszutauschen und für das Überleben in der feindlichen Alltagswelt zu wappnen. 

Capoeira stärkte die Ausgeschlossenen und Unterdrückten, machte sie unberechenbar und gefährlich. Capoeira galt als Gefahr für die öffentliche Ordnung und die Ausübung an sich galt als Strafdelikt. Verdächtige Personen wurden z.B. mit dem "Zitronentest" belastet: Eine Zitrone wurde in den Hosenbund gesteckt, wenn die Hose weit genug war, dass sie unten heraus fiel, war der Verdacht bestätigt. Zu den brutalen Bestrafungsmethoden gehörte, dass Capoeiristas an ein Pferd angebunden und bis zur Polizeistation geschleift wurden. Das Leben war so hart, dass selbst das als alltäglich empfunden wurde, viele Capoeiristas trafen sich für ihre Kämpfe so nah wie möglich bei der Polizeistation, um den Weg zu verkürzen. Die Capoeiristas versteckten die Capoeira in den Volkstänzen, verständigten sich mit kodifizierter Sprache, sprachen sich mit Spitznamen an und warnten mit Berimbau-Rhythmen wie der "Cavalaria" vor der (berittenen) Polizei. Die Capoeira-Roda war eine Bühne des Lebens, die Capoeira-Philosophie war Überlebenskunst.

Mestre Bimba

Mestre Bimba war der Erste, der Capoeira in eine Form brachte, die in eine Institution passte. Bimba war ein siegreicher Ring-Kämpfer und als König der Capoeira bekannt.  Er definierte die Capoeira-Bewegungen, ließ einige weg, fügte andere aus anderen Kampfsportarten hinzu und entwickelte den bis heute erhaltenen Stil "Regional". 1932 gelang es ihm als Erstem, eine Capoeiraschule (Academia) in Salvador da Bahia zu eröffnen, in der er auch Studenten und Akademiker unterrichtete. Damit legte er den Grundstein für die öffentliche Anerkennung und Institutionalisierung. Mestre Bimba gilt als Vater des modernen Capoeira-Sports.

Capoeira Heute

CEeCA_Prof Ivan_Prof PerereHeute ist Capoeira brasilianischer Nationalsport und wird von mehreren tausend Gruppen in Brasilien und im Rest der Welt ausgeübt. Capoeira ist Gemeinschaft, Ganzheitssport, Fest, Spiel, Spaß, brasilianische Kultur und Sprache und ein Zugang zu unser aller gemeinsamem afrikanischen Erbe.

In Zeiten des Friedens stehen bei den meisten Trainierenden der sportliche Wettkampf, Gesundheit und Wohlbefinden im Vordergrund, das Wesen von Capoeira hat jedoch kein bisschen an Kraft verloren. Capoeira bedeutet für viele Menschen der einzige Ausweg aus der Misere, sei es durch wirtschaftliche Armut oder durch persönliche Krisen. "Der Capoeira-Kreis ist wie ein Mutterherz - es passt immer noch einer hinein." Capoeira nimmt die Menschen auf, gibt ihnen ihren Selbstwert zurück und regt sie an, ihre individuellen Fähigkeiten zu entfalten und ihr eigenes Leben selbstbestimmt zu gestalten. In Brasilien sind Capoeira-Projekte eine der wichtigsten Maßnahmen zur Reduktion von Drogenkonsum und Gewalt in Schulen, Armenvierteln (Favelas) und mittlerweile sogar in Gefängnissen.

Aktuell gibt es drei Capoeira Grundrichtungen, Angola (die ursprünglichste Form), Regional und Contemporânea (die modernste Form), und so viele verschiedene Stile wie Capoeira-Gruppen. Jede Gruppe hat ihr eigenes Graduierungssystem, einen weltweiten Dachverband oder einheitliche Ausbildungsstandards gibt es noch nicht.


Das Capoeira-Spiel

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CEeCA_Batizado_2012_003Capoeira wird nicht "gekämpft", sondern "gespielt". Die "Roda" ist der Kreis aus klatschenden und singenden Capoeiristas, in dessen Mitte das zweier Spiel stattfindet. Zur Roda gehört auch die "Bateria", die Instrumente der Roda. Eine komplette Bateria besteht aus drei Berimbaus (einsaitige bogenförmige Instrumente in 3 Stimmungen), einer Atabaque (große Stand-Trommel) und zwei Pandeiros (Hand-Schellentrommeln). Durch das Singen und Klatschen zum Rhythmus der Bateria wird Lebensenergie erzeugt, "Axé" sagen die Capoeiristas dazu, "Ki" oder "Flow" sagen andere. Wenn Du in der Mitte spielst, spürst Du welchen Unterschied es macht, wie die Gruppe um dich herum vibriert.

CEeCA_Batizado_2012_011"Capoeira é dança e não karatê" ("Capoeira ist Tanz und nicht Karate") sagt eine Zeile eines Capoeira-Liedes. Was Capoeira zum Tanz macht, sind vor allem die Ginga (der wiegende Grundschritt), die Expressão (Ausdruck), Floreios (Ästhetische Bewegungen und Akrobatik) und die Verpackung des Kampfes in ein dynamisches Spiel, in dem es mehr um das Zeigen des eigenen Könnens geht, als um die Vernichtung des Gegners. Neben Fuß-, Hand- und Kopfschlägen gibt es auch diverse Techniken um den anderen zu Fall zu bringen. Statt zu blocken weicht man Angriffen aus, dadurch kommt es zu wesentlich weniger Körperkontakt als in anderen Kampfsportarten.

Es gibt mehrere Arten von Spielen, das Berimbau Gunga gibt den Rhythmus und damit die Spielart vor. Nicht alle Spiele werden in allen Gruppen gespielt und manche sind Meistern, Lehrern und graduierten Schülern vorbehalten. In unserer Gruppe sind die häufigsten Spiele Benguela (langsames, enges, technisches Spiel, das sehr nah am Boden bleibt), São Bento Grande Cadenciado (aufrechter, mittlere Geschwindigkeit) und São Bento Grande (schnelles Spiel mit vielen Kicks und Sprüngen). Bei Events wirst Du auch Iuna (akrobatisches Spiel), Santa Maria (Spiel, mit dem Ziel, als erster einen Gegenstand mit dem Mund vom Boden aufzuheben) oder Amazonas (Spiel aus den Bewegungen der Tiere) sehen.